Eine Konkurrenz? (Fortsetzung)
Mit beiden Fehlannahmen hat das Reich Gottes nicht das Geringste zu tun. Es ist kein Zeichen von Reife, zu glauben, man wäre der einzige Überrest (vgl. 1. Kön. 19,10.18) oder man wäre die beste Gemeinde. Das ist vielmehr Selbstüberschätzung.
Jeder Christ, ja jeder Mensch überhaupt, gehört keiner Kirche, Organisation, Institution und keinem Menschen, sondern Gott allein.
Wenn eine Gemeinde wirklich Jesus Christus angehört, von ihm geboren, durchwirkt und geleitet wird (und alles andere ist nicht Seine Gemeinde, und mag sie sich selbst tausendmal so nennen; vgl. Röm. 8,14.9b; Joh. 3,6; 6,63), bestimmt er, der Herr der Gemeinde, wer zu ihr zugeführt wird und wer nicht.
Deshalb kann es hier genau genommen auch keine Mitgliedschaft geben. Man kann ihr ebensowenig „beitreten“, wie man einer Familie beitreten kann. Man wird in sie hineingeboren bzw. von Gott Selbst „hinzugefügt“ (Apg. 2,47b).
Christus, der Herr der Gemeinde, schaltet und waltet souverän. Er positioniert. Kein Mensch, kein Überzeugungs- oder Überredungsversuch, keine noch so geschickte Psychologie oder Werbestrategie. Er zieht Menschen hinzu durch ein inneres Ziehen oder Drängen seines Geistes. Er löst Menschen auch wieder aus einer Gemeinde vor Ort und führt sie weiter oder sendet sie in eine andere Gemeinde.
Sollten soviele Christen wie möglich in die eigene Gemeinde kommen?
Wenn dem so ist, kann es weder im Interesse einer Gemeinschaft, noch eines geistlichen Leiters sein, zu denken, möglichst soviele Menschen wie möglich sollten in die eigene Gemeinde kommen. Es ist nicht Aufgabe eines Leiters, Christen zu überzeugen oder zu überreden, sich der eigenen Gemeinde anzuschließen. Im Gegenteil: Er sollte darauf achten, dass sich nicht zu viele Menschen anschießen, die Gott nicht gesandt hat und deren Dasein aufgrund dieser Fehlplatzierung weder dem Leiter, den Gemeindeleuten, Gott, noch ihnen selbst nützen würde.
Ein Leiter, sowie Christen in einer Gemeinde haben keine andere Aufgabe, als Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Verstand und von allen Kräften und ihren Nächsten wie sich selbst (vgl. Mt. 22,36-40). Wenn sie wollen, können sie beten, dass Gott die richtigen Personen sendet und die nicht von Gott bestimmten abhält und woanders hin sendet, wo er sie haben will. Aber Gott selbst fügt Menschen hinzu und baut die Gemeinde auf.
Menschen sind frei, zu einer Gemeinde zu kommen und auch wieder zu gehen, gemäß dem, wie Gott sie führt. Menschen sollten weder überredet werden zu bleiben, wenn sie die Führung verspüren, weiterzuziehen, noch sollten sie die Gemeinde übereilt verlassen (vielleicht weil sie sich von jemandem verletzt fühlen oder tatsächlich verletzt wurden), ohne von Gott so geführt zu sein, weil sie so weder die Segnungen empfangen, noch die Reifungsprozesse durchlaufen können, die ihnen Gott durch die maßgeschneiderte Platzanweisung in einer Gemeinde zugedacht hat. Außerdem nützt ein eigenmächtiger – von Gott nicht geführter – Gemeindewechsel (Fehlplatzierung) weder ihnen selbst, noch den Gläubigen einer anderen Gemeinde, selbst wenn sie sich anfangs über den vermeintlichen Neuzuwachs freuen sollten.
Es ist ein großer Irrtum zu glauben, man müsste sich den ohnehin kleinen Kuchen von Christen nun mit mehreren Konkurrenten teilen. Tatsache ist, dass Gott mehr Menschen mit seiner Liebe erreichen und ihnen eine geistliche Heimat geben möchte, als alle im Moment bestehenden Gemeinden überhaupt die Kapazität besitzen (vgl. 1. Tim 2,4). Das Denken von Konkurrenz bzw. Wettstreit, Neid und Eifersucht ist selbstbezogen, ängstlich, und entspringt dem Minderwertigkeitsgefühl des Mangeldenkens, einer armseligen Bettlermentalität. Das hat mit dem Herzen Gottes, das von Fülle, von „Leben im Überfluss“ (Joh. 10,10) überquillt, nichts, aber auch gar nichts zu tun.
Was tun, wenn eine andere Gemeinde gesegneter wächst als die eigene?
Bestätigt Gott selbst gerade nicht durch Wachstum die eigene Gemeinde oder den eigenen christlichen Dienst (vgl. 2. Kor. 10,18), sollte man nicht missgünstig oder neidisch auf andere Gemeinden schauen, sondern die Ursache bei sich selbst und in seinem eigenen klein und eng gewordenem Herzen suchen (vgl. 2. Kor. 6,12).
Um das eigene Herz zu weiten und wieder für einen neuen Segen Gottes zu öffnen, kann man die vielen Bibelstellen, die von Fülle, Wachstum und Überfluss sprechen, studieren und betend darüber nachsinnen. Man kann für andere Gemeinden beten, anfangen, für ihren Erfolg zu danken und sich über sie zu freuen, ja sogar anzufangen, sie finanziell zu unterstützen (vgl. Phil. 2,3-4; Röm. 12,10) Auf diese Weise partizipiert man in Liebe neu am Segen wachsender Gemeinden und bereitet sich in dieser liebenden und segnenden Haltung dafür vor, als nächstes von Gott gesegnet werden zu können.
Kaum ein Pastor beginnt seinen Dienst in dieser Haltung der überwundenen Selbstbezogenheit und segnenden Liebe. Auch ich nicht. Dahin zu gelangen war ein oft schmerzlicher, selbstkritischer Prozess. Der Prüfstein ist, ob ich mich am Wachstum und Erfolg anderer genauso freuen kann, wie bei mir selbst, und ich mich nicht länger davon bedroht fühle. Wie lange wollen wir in uns die Perversität dulden, anderen Segen zu missgönnen und Misserfolg anderer als Genugtuung zu empfinden? Kann ich aufrichtig sagen: "Herr, segne die anderen Gemeinden und Geschwister übermächtig und, wenn du es möchtest, sogar mehr als uns!" ?
